γαλαξίας / installation & lecture performance

Kassel, Linsengericht 2013 / Monitor, Computer, 2 Lautsprecher, Dia-Projektor, 4 Inkjet-Prints, Collage, Objekte (07:30 Min.)

Kassel, Linsengericht 2013 / monitor, computer, 2 speakers, slide projector, 4 inkjet prints, collage, objects (07:30 min.)

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Montag, der 3. Juni 2013. An Bord gibt es frischen Kaffee. „Milch und Zucker?” Ich werde nicht direkt bis Wien fahren können. In Passau endet der Zug vorzeitig wegen eines Unwetters. „Über Anschlüsse informieren wir sie rechtzeitig.” In kurzer Zeit bin ich in Aschaffenburg. Hier steht der Trans-Europ-Express rostig auf einem Abstellgleis. Die Berge des Spessarts sind hügelig, der Wald dicht. Der Himmel ist wolkenverhangen. Ich denke an den Hof meiner Eltern, auf dem ich viele Geburten von Kälbern und Ziegenlämmern miterlebte. Ich sah sie das erste Mal bei ihrer Mutter am Euter trinken und über die Weiden rennen.
Denke ich an die Laktationsfähigkeit von Männern, lässt mich das Prinzip der Fruchtbarkeit nicht los. Ich glaube, dass in unserem täglichen Leben, aber auch in der Kunst dringend fruchtbare Ideen erforderlich sind. Der Main mäandert durch steile Weinberge und mich hindurch. Er ist weit über die Ufer hinaus getreten. Blut, Sauerstoff, Nervenbahnen, Meridiane, Lymphe – zahlreiche Bahnen durchziehen den Körper und bilden ein lebenswichtiges System, in dem es Öffnungen und Portale gibt, über die Austausch stattfindet. Über die Milchdrüsen kann ein Säugling mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt werden. Was für ein kraftvolles Prinzip, das uns zu dem macht, was wir sind: „You and me baby ain’t nothing but mammals so let’s do it like they do on the Discovery Channel…“
„Die Lage in Passau ist sehr angespannt.” „Was heißt das? Wie geht es weiter?” „Das heißt, dass ich es noch nicht sagen kann. Wir wissen zur Zeit nicht, ob wir überhaupt bis Passau fahren können. Auch wie Sie dann weiterkommen, kann ich Ihnen zur Zeit nicht sagen.” Seit Menschen reisen, orientieren sie sich an den Sternen. Die Bahnen, auf denen die Himmelskör- per durch das Universum kreisen, sich anziehen und abstoßen, boten ihnen eine Verortung im Raum. Bei Wolken war der Mensch auf seine innere Karte angewiesen. Im Jahr 1799 brach der Naturforscher Alexander von Humboldt in die Tropen der sogenannten Neuen Welt auf. In einem Dorf in Venezuela traf er auf einen Bauern, dessen Frau nach der Geburt des Kindes krank geworden war. Um es zu beruhigen, legte er es zu sich ins Bett und drückte es an die Brust. Infolge der Reizung der Brustwarze schoss bei ihm Milch ein und er stillte seinen Sohn fünf Monate lang.
„Meine Damen und Herren, wir möchte Sie freundlichst darum bitten, alle freien Sitzplätze von Taschen, Jacken und Ähnlichem zu befreien, um allen Passagieren einen Sitzplatz zu ermöglichen.” Plötzlich sitzen wir zu sechst auf vier Sitzen um einen Tisch. Eine Familie mit drei Töchtern hat sich zu mir gesetzt. Die Kinder sind quengelig. Da ich ohnehin in einem Buch lesen will, biete ich ihnen an, auf meinem Laptop „Simons Katze“ zu schauen. Humboldts Fallbeschreibung und weitere Recherchen lassen kaum einen Zweifel, dass Männer grundsätzlich, wenn auch in seltenen Fällen, stillen können. Dies war für Humboldt nichts Unglaubwürdiges und schon damals forderte er, dass dieses Phänomen erforscht werden sollte. Bis heute ist es ein weißer Fleck auf der Landkarte geblieben.
Die drei Mädchen freuen sich. Nach einer halben Stunde klappen sie den Laptop zu und bedanken sich herzlich. Danach holt der Vater ein Malbuch und ein rosa Mäppchen heraus. Seine jüngste Tochter sitzt auf seinem Schoß und malt nun mit Glitzerstiften Prinzessin Lillifee und Schmetterlinge aus.

Monday, June 3, 2013. Fresh coffee is served. “Milk and sugar?” I will not be able to go straight to Vienna. Due to severe weather, the train will end in Passau. “We will inform you about connecting trains well in advance.” A short while later I am in Aschaffenburg. On the siding is the rusty Trans-Europ-Express. The rolling hills of the Spessart are covered in thick forest. The sky is cloudy. I think about my parents‘ farm where I often helped bring calves and kid goats into the world. I would watch them drink from their mother’s udder and run across the pastures for the first time. When I think of male lactation I cannot help but reflect upon the principle of fertility. I believe that we desperately need fruitful ideas, not only in our daily lives but also in art. The Main meanders through steep vineyards and through me. Its banks have burst. Blood, oxygen, nerve pathways, meridians, the lymphatic system; innumer- able pathways run through the body and form a vital system full of openings and portals where exchange takes place. Milk is brought through the mammary ridge to the nipple, to nurse the infant. What a powerful principle this is that makes us what we are: “You and me baby ain’t nothing but mammals so let’s do it like they do on the Discovery Channel … ”
“The situation in Passau is very tense.” “What does that mean? What’s next?” “I cannot tell you anything right now. We don’t even know if we can go all the way to Passau. I am also unable to tell you how you may proceed from there, but I will be sure to inform you well in advance.”
Ever since humans have traveled they have navigated using stars. The orbits the stars describe on their way through the universe helped them to determine their position. When it was cloudy, men had to rely on their inner compass. In 1799, the natural scientist Alexander von Humboldt embarked on a journey to the equinoctial region, the tropics of the so-called “New World.” In a village in Venezuela he discovered a farmer whose wife had fallen ill after giving birth. To calm his child the farmer held him against his chest. As a result of the stimulation of his nipple, the farmer was able to produce milk, and he nursed his son for five months.
“Ladies and Gentlemen, we kindly ask you to remove all luggage and coats from un- occupied seats in order to provide seating for all passengers.” Suddenly I find myself sharing four seats and a table with a party of five; a family with three daughters has joined me. The children are whining. As I was about to read a book, I offer my laptop to them to watch “Simon’s Cat.”
Humboldt’s description of the farmer and further research into the subject of male lactation leaves little doubt that men are principally, even if in very few cases, able to nurse children. Humboldt didn’t find this implausible and requested further stud- ies. Until today, the phenomenon is mostly unknown and has never been subject to intensive research.
The three girls are happy. After half an hour, they close the laptop and thank me warmly. The father takes out a coloring book and a pink pencil case. His youngest daughter sits on his lap and paints in Princess Lillifee and some butterflies with glitter-pens.

PREMIERE: 30. Kasseler DOKFEST

KulturBahnhof Kassel, Stellwerk

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