BILOCATION RUNNER / PERFORMANCE

Bilocation Runner : Christoph Pfannkuch

Schon von außen ist durch die Fensterscheiben zu sehen, wie ein Performer* im Ausstellungsraum auf einem Laufband geht. Er schaltet es eine Stufe höher, rennt jetzt. Die schweren Bergschuhe, die er trägt, lassen seine Schritte mühsam und unpassend erscheinen; dumpfes und rhythmisches Knallen mischt sich in das stete Summen des Laufbandes. Dann schaltet der Performer* das Laufband ab, er ist außer Atem, steigt herunter, zieht die Bergschuhe aus und stellt sie an ihren Platz zurück. Ein neues Paar Schuhe – Sommersandalen mit Absatz – wird betrachtet, berochen und befühlt. Es ist ein forschender und intensiver Aneignungsprozess über Material, Geruch und Form bis sie angezogen werden. Sie sind zu klein, passen nicht richtig. Schuh und Träger scheinen sich einen Moment ineinander einzufühlen, dann steigt er erneut auf das Laufband.

Ohne Unterbrechung wird der Ablauf mit immer wieder neuen Schuhpaaren wiederholt – der Schuh als Alltagsobjekt, als Gebrauchsgegenstand, Modeobjekt, Marktobjekt und manchmal auch Fetisch. Es sind Objekte die für eine bestimmte Funktion geschaffen wurden – Bergschuhe um den Fuß zu schützen, Fahrradschuhe für den festen Halt am Pedal, High Heals für eine ganz bestimmte Form des „weiblichen“ Auftretens.

Stufenweise steigert der Performer* die Geschwindigkeit, vom Gehen zum Laufen und schließlich zum Rennen. Je nach Schuhpaar verändert sich der Klang der Schritte; die Kopf-, Arm-, und Schulterhaltung; die Art und Weise, wie sich die Hüfte bewegt. Machen als weiblich konnotierte Schuhe den Performer* zur Performerin*? Und es scheint noch mehr zu sein, was die Schuhe als Informationen mitgeben: Mal schlurft er in Hausschuhen, mal tänzelt er in Stepschuhen. Sommersandalen und Absatzschuhe klappern und lassen seine Arme Gleichgewicht suchend schlenkern.

Das Gehen, als alltäglichste Form der Fortbewegung und letztlich der Raumaneignung, stagniert auf dem Laufband – dem Sinnbild für Fitness und Selbstoptimierung. Es nimmt die Form eines körperlichen Erforschens der Bewegungen an, welche die jeweiligen Schuhe hervorrufen. Die Geschwindigkeit steigert sich – nur wenige Modelle sind für das schnelle Laufen konzipiert worden, alle anderen führen zum Straucheln, manchmal fast zum Sturz. Zu kleine, zu enge, zu große Schuhe, solche mit fehlenden Schuhteilen oder Hufschuhe für Pferde führen zu sichtbarem Schmerz oder Verletzungen für den Performer*. Irgendwann im Steigern der Geschwindigkeit, scheint der Schuh oder das Laufband die Kontrolle zu übernehmen – obwohl der Performer* die Geschwindigkeit selbst regelt, immer nach dem gleichen Muster.

Pfannkuchs künstlerische Praxis beinhaltet (Lecture-)Performances, Installationen, Videoarbeiten und Objekte. Hierbei  befragt er immer wieder Vorstellungen von Normativität: Dualismen wie Männlichkeit/Weiblichkeit, Mensch/Tier, Gesundheit/Krankheit. In „Bilocation Runner“ wird das Objekt „Schuh“ zum Untersuchungsgegenstand: Welchen Einfluss haben welche Schuhe auf den Körper, das Erscheinen und damit auf das wahrgenommene Geschlecht? Orthopädische Schuhe, passgenau für den einen, bringen den anderen in eine Schieflage. Eine vollständige Angleichung kann nicht stattfinden. Die Schuhe geben dem Tragenden Körperhaltung und Gangart vor. Abnutzungsspuren erzählen von früheren Besitzer*innen. Der Titel der Arbeit verweist dabei auf die mystisch/physische Fähigkeit von Objekten oder Individuen im gleichen Moment an mehreren Orten zu sein. Wie viel ist von diesen früheren Objekt-Subjekt-Beziehungen noch zu spüren? Und wer oder was ist in diesem Zusammenhang eigentlich Objekt, wer oder was Subjekt?

Gerade steppen Tanzschuhe über das Laufband. Vielleicht gehörten die Schuhe einmal einem begabten Tänzer*? Ein neues Mensch-Schuh-Hybrid ist entstanden, für einen kurzen Moment auf dem Laufband.

— Sophia Trollmann

Die Performance ,,Bilocation Runner‘‘ ist im Rahmen der Ausstellung EXAMEN 15 in der documenta-Halle Kassel zu erleben: Du-Ry-Straße 1, 34117 Kassel / Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag: 13 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag: 11 bis 20 Uhr. Im Rahmen der Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog.

http://www.kunsthochschulekassel.de/willkommen/veranstaltungen/events/event/examen-2015-absolventinnen-und-meisterschuelerinnen-der-kunsthochschule-kassel-stellen-aus.html

Foto: Jana Wieczorek

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