stillende männer

Interdisziplinäre Studienarbeit

Franz Christoph Pfannkuch/γαλαξίας/13

Stillende Männer

1. Einleitung

Der Titel der vorliegenden interdisziplinären Studienarbeit ,,Können Männer stillen?‘‘ ist zunächst eine Provokation. Denn schlägt man den Begriff des Stillens im Wörterbuch nach, so ist das Stillen definiert als:

,,das Trinken an der Mutterbrust, das Nähren eines Säuglings, etwas zur Ruhe zu bringen, besänftigen, zum Beispiel Schmerz oder innere Unruhe, befriedigen, zum Beispiel Durst oder Hunger oder das Blut bei einer Wunde am fließen zu hindern‘‘ (Wahrig 1992)

Das Stillen scheint also etwas a priori Weibliches. Meine Mutter, die mich und meine Geschwister selbstverständlich stillte, ist Krankenschwester auf einer Entbindungsstation und berät Mütter als zertifizierte Still- und Laktationsberaterin beim Stillen ihrer Kinder. Mein Vater betreibt einen kleinen Biobauernhof. Als ich klein war, war es noch ein milchwirtschaftlicher Betrieb und natürlich waren es die Kühe, die gemolken wurden. Die Tatsache, dass ausschließlich weibliche Säugetiere, so auch beim Menschen laktieren stand außer Frage. Bis ich auf einen Artikel über einen Mann aus Sri Lanka stieß (siehe Abbildung 1), der seine Tochter nach dem Tod der Mutter stillte.

,,My eldest daughter refused to be fed with powdered milk liquid in the feeding bottle. I was so moved one evening and to stop her crying I offered my breast. I then realised that I was capable of breastfeeding her,‘‘ so der 38jährige. vgl. TheThinking-Blog 2007)

Dieser Artikel wurde zum Impulsgeber für umfassende Recherchen, aus denen die künstlerischen Arbeiten und die Ausstellung des Projektes γαλαξίας entstanden, deren Dokumentation auf den vorangegangenen Seiten erfolgte. Im Folgenden werden die Ergebnisse dieser Recherche, der eine interdisziplinäre Arbeitsweise unterliegt, präsentiert werden und die ferner einen Teil der Lecture Performance bilden. Zunächst erfolgen in dieser kunstwissenschaftliche, soziologische, ethnologische, medizinische und philosophische Annäherungen an die Thematik. Ziel ist es die bisherigen Vorstellungen und Haltungen von Weiblich- und Männlichkeit, sowie Mutter- und Vaterschaft in Bezug auf das Stillen zu reflektieren, Geschlechterdifferenz in Bezug auf das Stillen zu untersuchen und mögliche Forschungsfragen zu generieren. ,,Können Männer stillen?‘‘ wird zur zentralen Ausgangsfrage, wobei sich weitere Fragestellungen anschließen: Ist das Stillen etwas naturgegeben Weibliches? Welche Belege gibt es für stillende Männer? Wie ist das Stillen mit bestimmten Vorstellungen von Weiblichkeit verknüpft? Wie spiegeln sich Vorstellungen vom Stillen in Werken der Kunst- und Kulturgeschichte wider? Wie werden Vorstellungen von Geschlecht am Beispiel des Stillens verhandelt? Welches Potential bieten interkulturelle Vergleiche für familiensoziologische Untersuchungen?

2 Stillen zwischen Kultur und Biologie

Irmela Marei Krüger-Fürhoss (2009) zeichnet in ihrem Beitrag über das Themenfeld des Körpers innerhalb der Gendertheorien die Entwicklungsgeschichte dieses Begriffs nach. Körper, in Abgrenzung zum physikalischen Körper, bezeichnet eine <<physische und psychosexuelle Konstruktion des Menschen in seiner geschlechtlichen Markierung, eine Konstruktion, die außerhalb diskursiver und sozialer Kontexte weder existiert, noch wahrgenommen werden kann.>> (S. 65) Der Körper weist sowohl individuell-persönliche, als auch kollektive Dimensionen auf, wobei sich dabei stets auf beiden bestimmte Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit manifestieren. Historisch betrachtet haben sich die Konzepte von Körper immer wieder verändert und beeinflussen zum einen die Selbstwahrnehmung, aber auch gesellschaftliche Haltungen und kollektive Identitäten. Traditionsgemäß galt der weibliche Körper in der westlichen Kultur als natürlicher gegenüber dem männlichen. Dies hatte zur Folge, dass kulturelle Haltungen besonders auf den weiblichen Körper projiziert wurden und dieser so zum Objekt der Unterwerfung wurde. Der männliche Körper profitierte durch die Aufwertung des Geistes und stellte meist die Norm dar, wohingegen der weibliche Körper eher als Abweichung galt.(vgl. ebd. S. 65f)

Im Folgenden Kapitel folgen Annäherungen an das Stillen aus zwei diskursiven Kontexten. Stillen ist, wie im folgenden Kapitel erläutert wird, nicht nur die natürlich biologisch angelegte Ernährung des Säuglings, sondern wird seither mit bestimmten Vorstellungen und Sinnbildern verknüpft. Zunächst folgt eine kurze Annäherung an die Symbolik der Stillenden Mutter in Kunst- und Kulturgeschichte, die aber besonders in den letzten Jahren mehr und mehr dekonstruiert wird. Danach folgen die medizinischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse, wie sich das Stillen auf Kind, Mutter, Familie und Gesellschaft auswirkt.

2.1 Annäherungen an das Motiv der stillenden Mutter in Kunst- und Kulturgeschichte

Die Darstellung der stillenden Mutter mit dem Kind ist eines der archetypischen Bilder der gesamten Kunst- und Kulturgeschichte. Die erste bekannte Bronzestatuette, die eine stillende Mutter zeigt, ist circa 4200 Jahre alt und stammt aus dem Gebiet der heutigen Türkei. Seither wird dem Akt des Stillens eine <<hohe, fast weihevolle Beurteilung zuteil>>. (Tönz 1997, S. 92) So werden häufig Göttinnen beim Stillen ihrer Söhne und Töchter gezeigt. Neben Isis, die Horus stillt und Hathor, die Ihi stillt, sind das wohl prominenteste Beispiel Zeus und seine Mutter Rhea. Beim Stillen ihres neugeborenen Sohnes spritzt Milch aus ihrer Brust und erstarrt am Firmament zur Galaxie, unserer Milchstraße. (siehe Abb. 2) In der christlichen Ikonografie wird die stillende Maria, als Mater Galactotrophans und Virgo Lactans in unzähligen Bildern verherrlicht. Besonders oft wird diese Szene in den Kontext der Flucht nach Ägypten eingebunden. Hier wird das Stillen zu einer besonderen Symbolik für Geborgenheit und des Schutzes in gefahrenvollen Zeiten. (siehe Abb. 3) (vgl. ebd.)

2.1.1 Die bärtige Frau

Eine Besonderheit in den Darstellungen stillender Mütter bildet <Die Bärtige Frau> von Jusepe de Ribera aus dem Jahr 1631. Es zeigt in der Mitte des Bildes eine stehende Person, der einen Säugling im Arm hält und ihn stillt. (Abbildung 4.) Diese weist sowohl weibliche, als auch männliche sekundäre Geschlechtsmerkmale auf. Das Gesicht wirkt markant und eher maskulin, was durch den dichten, schwarzen Vollbart betont wird. Deutlich zu erkennen ist aber auch die entblößte Brust, an der das Kind liegt. Diese wirkt durch die mittige Lage unproportional und unnatürlich. Aus medizinischer Sicht geht man heute davon aus, das die dargestellte Frau Magdalena Ventura, die bereits drei erwachsene Kinder hatte, aufgrund eines Tumors an der Nebenniere oder den Eierstöcken völlig viriliert, also vermännlicht war. Hinweise hierzu finden sich in auf der Steintafeln am rechten Bildrand. Der Vizekönig von Neapel gab Ribera den Auftrag dieses vermeintliche Wunder der Natur festzuhalten. Dies stellte den Maler vor ein Problem, denn mit Kleidung hätte Ventura ausgesehen, wie ein Mann im Gewandt einer Frau. Um die arme Frau nicht zu entblößen griff Ribera zu einem genialen Trick und legte ihr ein Kind, möglicherweise ihr Enkelkind an die Brust. <<Das Bild zeigt also nichts anderes, als was zu zeigen der Künstler den Auftrag hatte: una mujer barbuda, und niemals eine laktierende Mutter mit Bart>> (Tönz 2000 S.1059) Das Stillen, wird hier also als Beweis der Weiblichkeit verwendet. (vgl. ebd.)

2.1.2 Boys For Pele

<Boys for Pele> lautet der Titel des dritten Studioalbulms der amerikanischen Sängerin, Pianistin und Komponistin Tori Amos. Pele ist eine hawaiianische Feuergöttin. Auf einem Foto im Beiheft sitzt Amos angelehnt an einen Stapel Heuballen und schaut träumerisch aus dem Fenster während sie ein Ferkel stillt. (siehe Abbildung 5) Das Foto, aufgenommen von Cindy Palmano, löste nach seiner Veröffentlichung einen Skandal aus. Konservative Christen waren geschockt, weil Amos damit die Repräsentation der Madonna mit dem Jesuskind unterlaufe. Andere sahen neben der bissigen Kritik an Religion und Kirche, die Verbreitung einer unnatürlichen und schädlichen Erotik. (Desbrun, 2012) Amos selbst spricht in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung über das Bild, als ein Symbol für das Nähren des nicht koscheren. (vgl. SZ 2007)

2.1.3 Die gute Brust

Themen wie Weiblichkeit, Mütterlichkeit, Sexualität und Beziehung standen oftmals im Zentrum der künstlerischen Arbeit der 1911 in Paris geborenen New Yorker Künstlerin Louise Bourgeois. In einem ihrer letzten Werke aus dem Jahr 2007, zeigt sie in einer Reihe von Aquarellen mit dem Titel The Good Breast verschiedene Stillsituation, in denen riesige Brüste zu sehen sind, die den darunter liegenden Säugling fast erdrücken. Eine Frau oder Mutter als Person wird hier gar nicht mehr dargestellt. Der Akt des Stillens scheint hier gewaltvoll konnotiert. (siehe Abbildung 6)

2.2 Medizinische Aspekte des Stillens

Seit der Antike war besonders in höheren Gesellschaftsschichten das Ammenwesen stark verbreitet. Im Mittelalter zum Beispiel deswegen, um aus dynastischen Gedanken heraus möglichst viele Kinder zu gebären, wobei die Frauen dem Stillen nicht allein nachkommen konnten. Seit der Moderne wird ständig versucht das Stillen, als nachgewiesen gesündeste Form der Säuglingsernährung zu modernisieren, was oftmals fatale Folgen für die Gesundheit der Kinder hat und das mit einem großen Markt, sowie Werbung und Propaganda verbunden ist. (vgl. Schneider 2008. S.19ff) Die Haltungen von Medizinern haben sich gegenüber dem Stillen oft gewandelt. In diesem Kapitel folgen nun einige Aspekte des Stillens aus medizinischer Perspektive, die sich wieder für die natürliche Brusternährung ausspricht.

2.2.1 Stillen und das Kind

Muttermilch hat sich im Verlauf der Menschheitsgeschichte optimal an die Bedürfnisse des Säuglings angepasst, das heißt, dass beim Stillen alle wichtigen Nährstoffe in optimaler Menge an das Kind weiter gegeben werden. Auch während des Stillens passt sich die Milch an die Bedürfnisse des Kindes an und das weitgehend unabhängig von der Ernährung der Mutter. (vgl. Schneider 2008 S.30) Muttermilch wird zudem eine besondere Rolle in der Prägung und Unterstützung des kindlichen Immunsystems zugeschrieben. Einerseits enthält die Milch Bestandteile, die gegen bestimmte Keimgruppen wirken. Andererseits regt die Muttermilch, das Immunsystem des Kindes an und fördert beispielsweise die Reifung der Thymus-Zellen. Es ist nachgewiesen, <<dass gestillte Kinder vergleichsweise seltener, weniger schwer und kürzer an bestimmten Infektions-krankheiten (…) erkranken.>> (vgl. ebd. S.30ff)

Weitere Aspekte des Stillens sind die positiven Auswirkungen auf die sprachliche, motorische und intellektuelle Entwicklung des Kindes. Stillen fördert die Entwicklung von Zahn- und Kieferstellung, Zungen- und Gesichtsmuskulatur und leistet damit einen basalen Beitrag zur Sprachentwicklung. Auf entwicklungs-psychologische Ebene stärkt Stillen das Urvertrauen des Kindes und hat somit Auswirkungen auf das gesamte weitere Leben und fördert die intensive Beziehung zur Mutter. (vgl. ebd. S.33)

2.2.2 Stillen und die Mutter

Als ersten positiven Aspekt des Stillens für die Mutter nennt die Ärztin Gabriele Schneider (2008) die Ausschüttung des Botenstoffes Oxytocin, der durch das Saugen an der Brustwarze freigesetzt wird. Oxytocin trägt zur Stimulation des Milchflusses bei und ist zugleich der Botenstoff, der bei allen Formen sozialer Verbunden-heit eine Rolle spielt. Es fördert vertrauensstiftende Begegnungen und unterstützt emotionale Bindungen dauerhaft. Es wird vermehrt bei bei zärtlichen Berührungen, gemeinsamen Singen und Lachen ausgeschüttet und wirkt sich positiv auf das Angstzentrum im Hirn aus und entspannt. (vgl. S. 34) Zudem trägt das Stillen dazu bei, die über die Schwangerschaft angelegte Fettgewebe abzubauen und verringert das Risiko von Brust- und Gebärmutterhalskrebs. (vgl. ebd. S.35)

2.2.3 Stillen und die Familie

Die Hauptalternative für Muttermilch ist industriell hergestellte Ersatznahrung. Die Kosten für die Babynahrung, Flaschen, Sauger, Sterilisiergeräte und den erhöhten Energieaufwand belaufen sich auf 500 – 1100 DM (neuste existierende Quelle Anm.d.A.), um ein Kind ein Jahr zu ernähren. Zudem ist das Stillen zeitsparender. Neben den ökonomischen Vorteilen, betont Schneider (2008) besonders die Bonding-Effekte, von denen die Familien profitieren können. (vgl. S.36) Bonding bezeichnet die erste emotionale Verbindung zwischen dem Kind und seinen Eltern. Die Seite <hallo-eltern.de> mach folgende Vorschläge für Bonding, auch zwischen Vater und Kind:

<<Ebenso wie die Mutter des Kindes, kann auch der Vater die körperliche Nähe intensivieren indem er sich das nackte Baby (in Windeln) auf den freien Oberkörper legt. Intensiver Hautkontakt und der Geruch des jeweils anderen fördern das Gefühl der Zusammengehörigkeit. (…) Väter die viel Zeit allein mit ihrem kleinen Windelrocker verbringen, entwickeln mehr Eigenständigkeit im Umgang mit ihrem Nachwuchs. Sie sind sicherer und routinierter im Umgang mit dem Baby und entdecken eigene Lösungen für schwierige Situationen. Gleichzeitig wird die Mutter entlastet und kann schneller Vertrauen in die lösungsorientieren Fähigkeiten ihres Partners fassen. Väter und Babys die gelegentlich miteinander allein sind, entwickeln eine besonders enge Bindung zu einander. Die Elternzeit für Väter bietet eine zusätzliche Möglichkeit, viel Zeit mit dem Kind zu verbringen.>> (Schniebel 2012)

3 Sillende Männer

3.1 Der stillende Bauer bei Alexander von Humboldt

Alexander von Humboldt (1769-1859) verfasste einen der wichtigsten und umfangreichsten Reiseberichte aller Zeiten. Im Jahre 1799 erreichte er das Dorf Arenas in Venezuela, wo er auf einen Bauern namens Francisco Lozano aufmerksam wurde. Humboldt (1859) berichtet, dass dieser seinen Sohn, nachdem die Mutter erkrankt worden war ausschließlich mit seiner Milch stillte.

<<In diesem Dorfe wohnt ein Landmann Namens Francisco Lozano, der eine physiologische Merkwürdigkeit ist, und der Fall macht Eindruck auf die Einbildungskraft, wenn er auch den bekannten Gesetzen der organischen Natur vollkommen entspricht. (…) Lozano, damals zweiundreißig Jahre alt, hatte es bis dahin nicht bemerkt, daß er Milch gab, aber infolge der Reizung der Brustwarze, an der das Kind saugte, schoß die Milch ein. Dieselbe war fett und sehr süß. Der Vater war nicht wenig erstaunt, als seine Brust schwoll, und säugte fortan das Kind fünf Monate lang zwei-, dreimal des Tages. Seine Nachbarn wurden aufmerksam auf ihn, er dachte aber nicht daran, die Neugierde auszubeuten, wie er wohl in Europa getan hätte. Wir sahen das Protokoll, das über den merkwürdigen Fall aufgenommen worden war.>> (ebd. S.310)

Humboldt führt fort, dass es diverse Tierarten gibt, bei denen auch die männlichen Tiere ihre Jungen säugen, zum Beispiel Ziegenböcke. Humboldt widerlegt die damalige Annahme, dass die Milchbildung beim Mann mit Rasse und Klima zusammenhängt, denn Lozano gehört nicht zur indigenen Bevölkerung Südamerikas, sondern hat europäische Wurzeln. Auch habe die Milchbildung keinerlei Auswirkung auf andere physiologische Eigenschaften bei Männern. Stillende Männer seien also keineswegs <<schwächlich>> oder <<weibisch>>. Schon Humboldt betont, dass diese biologische Eigenschaft, auch wenn sie seltener als bei Frauen vorkommt, nicht der Vorstellung von Männlichkeit entspricht.

<<Es gibt unter den mancherlei Spielarten unseres Geschlechts eine, bei der der Busen zur Zeit der Mannbarkeit einen ansehnlichen Umfang erhält. (…) Daß auch der Mann Brüste hat, ist den Philosophen lange ein Stein des Anstoßes gewesen, und noch neuerdings hat man geradezu behauptet: Die Natur habe die Fähigkeit zu säugen dem einen Geschlecht versagt, weil diese Fähigkeit gegen die Würde des Mannes wäre.>> (ebd. S.312)

Humbold

3.2 Die Aka

Barry S. Hewlett (1997), amerikanischer Ethnologe, beschreibt die Aka als Menschen, die in den tropischen Regenwäldern im Süden der Zentralafrikanischen Republik und dem Norden der Volksrepublik Kongo als Jäger, Sammler und Händler leben. Im interkulturellen Vergleich haben die Aka minimale Ausmaße an Krieg und Gewalt. Sie besitzen kein Land und kein Vieh, Jagdwild gibt es reichlich und die Bevölkerungsdichte ist niedrig. Die Beziehung zwischen den Ehepartnern beschreibt Hewlett (ebd.) als mehrsträngig, vielfältig und kooperativ. Sie teilen eine Vielzahl an sozialen und ökonomischen Aktivitäten – gemeinsam essen, jagen, sammeln, tanzen, singen, ruhen sie sich aus und schlafen in einem sehr schmalen Bett. In einer Studie im Bokoka-Viertel des Dorfes Bangandou untersuchte er die Reziprozität der Ehepartner und die Vater-Kind-Beziehung bei den Aka und fand heraus, dass sich die Aka-Väter stärker an der Kinderbetreuung beteiligen, als in irgendeiner anderen bekannten menschlichen Gesellschaft.(vgl. S. 111ff)

<<Aka-Väter sind während eines 24-Stunden-Tages für mehr als 50% der zeit nur eine Armeslänge, das heißt weniger als einen Meter von ihrem Kleinkind entfernt und halten ihre kleinen Kinder fünfmal häufiger im Arm, als in anderen bekannten menschlichen Gesellschaften.>> so Hewlett. (1997, S.105)

Für die Beteiligung an der Kinderbetreuung nennt er folgende Gründe: Zunächst ist die Fertilität bei den Aka sehr hoch, sodass eine durchschnittliche Frau bei den Aka in ihrem Leben 6,3 Kinder zur Welt bringt. Die Kinder werden zwei und bis vier Jahre gestillt, was zur Folge hat, dass es kaum Frauen gibt, die sich um die Kinder anderer Frauen kümmern. Ein ökonomischer Grund liegt vor, weil im Gegensatz zu anderen nicht-industriellen Gesell-schaften, die Aka-Frauen an der Jagt gleichermaßen beteiligt sind. Des Weiteren könnte die väterliche Kinderbetreuung ein Ausdruck des Werbungsverhaltens sein. Der Hauptgrund ist wohl, dass sich die Beziehungsform der Aka, die Hewlett (ebd.) als reziproken Altruismus beschreibt, positiv auf die Gleichberechtigung in allen Situationen auswirkt. (S. 109ff)

Eine weitere Besonderheit der Aka, schildert Hewlett (2005) in einem Interview in The Guardian: Die Aka-Väter legen ihre Säuglinge an ihre Brust und lassen sie an ihren Brustwarzen saugen, um sie zu beruhigen. Schon Aristoteles und Darwin beschäftigten, sich mit der Frage welche Funktion die männlichen Brustwarzen haben. Ausgehend von seinen Studien über die Aka postuliert er folgende These:

<<Male nipples are there as a stand-in for when mum isn’t around and there’s a squawking bambino in dire need of something to suck. And, when you think about it, why ever not? Surely a male nipple, deficient though it is in terms of sustenance, gives a more pleasant sucking sensation than, say, a dummy.>> (vgl. Hewlet/Moorhead 2005)

Faszinierend an den Aka ist, dass männliche und weibliche Rollen praktisch austauschbar sind. Zwar sind die Frauen doch die größtenteils die Kinderbetreuung übernehmen, aber Männer können diese Aufgaben, bis hin zum nuckeln an den Brustwarzen, übernehmen und das ohne eine Veränderung ihres sozialen Status. Die verschiedenen elterlichen Aufgaben sind nicht an das Geschlecht gebunden. (vgl. ebd.)

3.3 Fresh Milk – The Secret Life of Breasts

Fiona Giles, australische Wissenschaftlerin und Dozentin an der Universität Sydney mit den Forschungsschwerpunkten Media, Gender und Cultural Studies, veröffentlichte 2003 eine Sammlung von Geschichten, Erinnerungen und Berichten, in deren Zentrum Mythen und Wahrheiten des Stillens erörtert werden. Ein Kapitel widmet sie dem Thema stillender Männer. Sie bezieht sich zunächst auf ein Essay der Amerikanerin Laura Shanley, die sich für natürliche Hausgeburten einsetzt. Shanley führte gemeinsam mit ihrem Mann ein Experiment durch, um herauszufinden, ob auch er die Fähigkeit zu stillen besäße.

<<He began telling himself that he could lactate, and whithin a week, one of his breasts swelled up and milk began dripping out.>> (Giles 2003 S.185)

Außerdem berichtet Shanley in ihrem Essay von einem schwulen Paar, die das Kind einer Freundin adoptierten und es über acht Monate hinweg ausschließlich gestillt hätten. Nur engste Freunde hätten von dieser Tatsache gewusst. (ebd. S.186)

Historische Beispiele bildet die Überlieferung einer Vision von Klara von Assisi, der Franz von Assisi im Traum erscheint und ihr seine Brustwarze anbietet aus der sie daraufhin trinkt. Auch Jesus, verwende das Stillen als Sinnbild für spirituelle Nahrung, wenn er sagt: <Wen da dürstet der komme zu mir und trinke.>

Obwohl dies zweifellos metaphorische Belegstellen für männliche Laktation seien, deuten sie doch an, das Männer ihre Brust in verschiedenen Epochen als nährend empfunden hätten, so Giles. (vgl. 2003 S. 185f)

3.4 Brot und Rosen

Die Sozialwissenschaftlerin Barbara Sichtermann (1987) schildert in ihrem Artikel Über die verlorene Erotik der Brüste dieAmbivalenz der Brust zwischen Sinnlichkeit, Erotik, Sexualität und dem Stillen. Ein biologischer Grundunterschied besteht zwischen Frauen und Männern, da nur Frauen Kinder gebären können. Aber <<Auch Männer können Kinder kriegen>>, so Sichtermann <<jedenfalls, was die sinnliche-erotischen Anteile an diesem Prozess betrifft.>> (ebd. S.68) In der Teilung der Pflichten in der Fürsorge der Kinder sieht Sichtermann (ebd.) einerseits eine kardinale Bedingung für die Gleichstellung der Geschlechter in allen Bereichen, aber auch einen Zugewinn für Väter auf sinnlicher und emotionaler Ebene. Den Aspekt des Stillens umschreibt sie folgendermaßen:

<<Kinder suchen an der Brust nicht nur Brot, sondern auch Rosen. Und letztere – sehr feine, sensible Knospen – wachsen auch den Männern.>> (ebd.)

3.5 Fathers Milk

Einen aktuelleren Beleg für stillende Männer finden sich im Artikel des Evolutionsbiologen und Anthropologen Jared Diamond (1995) <Fathers Milk>. Männliche Laktation ist schon seit längerer Zeit sowohl im Tierreich, als auch bei Menschen bekannt. Das Saugen an der Brustwarze fördert die Bildung von Hormonen, die zur Milchbildung wichtig sind. Teilweise genüge die bloße mechanische Stimulation. (vgl. ebd.)

Aus evolutions-biologischer Sicht war es nur in seltenen Fällen notwendig, dass Väter ihre Kinder stillen, da sie auch nur durch die Mutter überleben konnten. Bei den meisten Säugetieren ist das vorherrschende Verhaltensmuster der männlichen Tiere sich nach der Paarung nicht in die kindliche Fürsorge zu integrieren, sondern um die Art zu erhalten weitere weibliche Tiere zu begatten. (vgl. ebd.)

Heute kann die Milchbildung (und dies auch bei Frauen) als Folge von manchen Tranquillanzien, anderen Medikamenten oder Operationen auftreten. Des Weiteren kann die Milchbildung bei manchen Männern eine Folge von Mangelernährung oder enormer psychischer Belastung sein. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden tausende Fälle belegt, bei denen fast verhungernde Männer, die aus den Konzentrationslagern der Nazis befreit wurden, vergrößerte Milchdrüsen hatten und laktierten. (vgl. ebd.)

In Zeiten von DNA-Tests, fertilitätsfördernder Medikamente, die zu Mehrlingsgeburten führen können, sieht Diamond stillende Männer als mögliche zukünftige Entwicklung. Die Milchbildung beim Mann könne durch eine Kombination von manueller Stimulation der Brustwarzen und Hormoninjektionen von einer latenten, zu einer verlässlichen Fähigkeit werden. Auf psychologischer und sozialer Ebene sieht Diamond zwar einige Hürden, weil das Stillen stets als die Aufgabe von Frauen angesehen wurde. Er führt dies nicht nur darauf zurück, dass Männer Angst davor hätten diese vermeintlich weibliche Seite zu leben und zu zeigen, sondern viel mehr darin, dass viele Frauen nicht bereit wären, Männer in diesen Bereich, gewissermaßen ihr Territorium, zu integrieren. Er betont aber, dass der Mensch unter allen Säugetieren im Tierreich, die besten Vorraussetzung bieten würde, dass auch die Väter ihre Kinder stillen könnten. (vgl. ebd.)

3.6 Stillende Männer und die westliche Medizin

Laut Tönz (2000) lassen Humboldts Fallbeschreibung und weitere Recherchen kaum einen Zweifel, dass Männer grundsätzlich, wenn auch in wenigen Fällen stillen können. Er verweist auch darauf, dass auch die moderne Veterenärmedizin bestätigt, dass Ziegenböcke, aber auch diverse andere männliche Säugetiere laktieren können. Das Männer stillen können, war für Humboldt, nichts Unglaubwürdiges, doch beschreibt schon er eine widrige gesellschaftliche Haltung gegenüber dieser biologisch natürlichen männlichen Eigenschaft. (vgl. S.1061)

<<Der moderne Mediziner kennt keine stillenden Männer.>> (Tönz 2000, S.1061)

Auch nach Humboldts Reisebericht sind noch diverse Fälle überliefert worden, in denen Väter, beziehungsweise Witwer ihr Kind nach dem Tod der Mutter an die Brust anlegten, um es in erster Linie zu beruhigen, wodurch überraschenderweise die Milchbildung einsetzte. Einmal ergab sich daraus sogar eine männliche Amme. Seit dem 19. Jahrhundert wurden stillende Väter in der medizinischen Fachliteratur nie wieder erwähnt. Man ist sich in der Medizin wohl darüber einig, dass die physiologischen Anlagen beim Mann wohl vorhanden sind, also Mamillen, Prolaktin, Oxytocin und Östrogen. Das Hauptaugenmerk der Medizin liegt hier allerdings bei Pathologien in diesem Bereich: Gynomastie, der krankhaften Vergrößerung der männlichen Brustdrüse und der Galaktorrhoe, dem krankhaften Milchfluss. (vgl. ebd.)

Die Milchbildung bei Männern hängt von verschieden Faktoren ab. Zunächst nennt Tönz (2000) die Stimulation der Mamillen. Auch bei Frauen, die noch nicht schwanger waren oder ein Kind zur Welt gebracht haben, oder diese Jahre hinter ihnen liegen, kann eine Stimulation der Brustwarzen Laktation, beziehungsweise eine Relaktation auslösen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies bei Männern möglich ist steigt, je besser das Drüsengewebe auf die für die Milchbildung notwendigen Hormone anspricht. Des Weiteren spielen psychologische Faktoren eine essentielle Rolle, also das Empfinden <<mütterlicher Gefühle>>, so die hochinteressante Wortwahl Tönz. (vgl. ebd. S.1061)

Eine Annäherung an Mütterlichkeit folgt im nächsten Kapitel und basiert auf den Anschauungen der französischen Philosophin Elisabeth Badinter.

4 Stillem im Zentrum des Muttermythos

Mit ihren Büchern <Die Mutterliebe> und <Der Konflikt – Die Frau und die Mutter> zweifelt Elisabeth Badinter die Denkweise vieler Mediziner, Naturschützer, bestimmter Feministinnen und vieler Frauen an, wodurch besonders in Frankreich eine heftige Debatte um Mütterlichkeit entbrannt ist. Die Jahrtausende alte Praxis des Stillens trägt seither zu Vorstellungen von Mutterschaft und der Rolle der Frau innerhalb der Gesellschaft bei. Seit den 1970er Jahren gab man größtenteils das Stillen zugunsten des Fläschchens auf, was mit zu einer Gleichberechtigung zwischen den Eltern beitrug und es Frauen ermöglichte weiterhin zu arbeiten. Der aktuelle Trend geht jedoch aus verschiedenen Gründen wieder zurück und erzeugt wieder ein Ungleichgewicht, das Badinter scharf kritisiert. (vgl. Badinter 2010 S.80ff)

4.1 Mutterliebe

Die Mutterliebe ist ein ewiger Mythos, an den die Menschheit seit Urzeiten glaubt, ohne ihn anzuzweifeln. Nach diesem Mythos empfängt die Frau das Kind bei der Geburt wie ein kleines Wunder und weiß instinktiv, was zu tun ist. Unbewusst entsteht so eine Analogie zwischen der menschlichen Frau und einer Katzenmutter, die nach der Geburt ihrer Jungen ein absolut stereotypes Verhalten aufweist und sich aufopferungsvoll um ihre Jungen kümmert. Badinter (2010) ist der Ansicht, das diese Analogie eine falsche Annahme ist, da Frauen, ein Unbewusstes haben, das viel stärker gewichtet sei, als die Biologie. (vgl. S.57ff)

4.1 Die Rolle der Väter

Vor dem 18. Jhd. wurde die Familie von dem unantastbaren Prinzip der väterlichen Autorität bestimmt. Die väterliche Liebe tritt erst seit noch nicht so langer Zeit in die Geschichte der Gefühle ein, so Badinter (1991). Unter dem Druck der Frauen umsorgt der Vater heute das Kind in gleichem Maße, wie die Mutter. Das heißt, das Monopol der Zärtlichkeit liegt nicht länger bei der Mutter. Auch Badinter (ebd.) beschreibt diese Entwicklung mit den Worten <<Die Väter werden mütterlich.>> und löst damit die Verbindung, der mit Mütterlichkeit verbundenen Eigenschaften und Handlungen zum Geschlecht auf. (vgl. S.293ff)

4.2 Zurück zur Natur

Dreißig Jahre später nach dem erstmaligen erscheinen Badinters Buch <Die Mutterliebe> hat sich die gesellschaftliche Situation bezüglich Elternschaft drastisch verändert, so Badinter (2010). Die meisten Frauen gehen einer Arbeit nach, für die sie überqualifiziert sind, das soziale Klima ist rauer geworden und das Vertrauen in Unternehmen ist generell gesunken. Besonders die junge Generation sehe eine Lösung für nachhaltiges Leben im Rückbezug auf die Natur. Die aktuell dominante Ideologien sind: Zurück zur Natur. Die Familie ist wichtiger als der Beruf. Das wichtigste sind die Kinder. Durch diese Ideologie entstehen vielerlei Schuldgefühle. Der Stellenwert von Kindern hat sich seit der Einführung der Pille stark geändert, denn seit Elternschaft planbar wurde, fühlt man sich für das Kind verantwortlicher. (vgl. S. 46ff)

4.3 Die Einflüsse der La Leche League

Die La Leche League wurde in den 1950er Jahren in den USA gegründet und setzt sich im Grunde dafür ein, dass Frauen stillen. Sie hat weltweit großen Einfluss auf das Gesundheitssystem und selbst die WHO gibt deren Empfehlung an Frauen weiter sehr lange zu stillen. Badinter (2010) sieht in den Einflüssen der Leach-Leauge eine Gefahr für Frauen weltweit. Für viele Frauen entstehen große Schuldgefühle, wenn sie sich für Babynahrung, statt für das Stillen entscheiden. Männer würden so ermutigt sich von dieser Einheit zwischen Mutter und Kind, die so noch stärker werde zu distanzieren. Diese Haltung impliziere, die Mutter sei wichtiger als der Vater. Badinters zentraler Kritikpunkt der neuen Stillbewegung ist, dass das Kind die Vormachtstellung des Mannes wieder verstärke. Dieses Verhältnis führe dazu, dass das generell noch bestehende ungleiche Verhältnis von Frauen und Männern wieder verstärkt werde. Männer bekommen die besseren Jobs und engagieren sich weniger im Haushalt. (vgl. S.81ff)

5 Diskussion und Ausblick

<<Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.>> so Simone de Beauvoir. (1968, S. 65) Astrid Deuber-Mankowsky (2009) beleuchtet in ihrem Artikel Natur/Kultur dieses Werden von Geschlecht und dem damit verbundenen Verhältnis von Natur und Kultur. Der Terminus Natur, das griechische Wort <Physis>, als auch das lateinische <Natura> haben die selbe etymologische Verbindung und bedeuten <entstehen, geboren werden> aber auch <die Beschaffenheit, das Wesen der Dinge>. In diesen Begriffen liegt also eine spannende Doppeldeutigkeit zwischen Sein und Werden. (vgl. ebd. S.223)

Stillen ist ein Phänomen, dass sich in einem besonderen Spannungsfeld von Natur und Kultur bewegt. In der Auseinandersetzung mit der Frage <Können Männer stillen?> zeigt sich, dass die Beantwortung dieser Frage verschiedene Bezugssysteme erfordert. Zunächst erweist sich eine Unterscheidung in soziales und biologisches Stillen als sinnvoll, was Barbara Sichtermann in poetischer Weise mit Brot und Rosen umschreibt. (siehe Punkt 3.4) Biologisches Stillen betrifft die Brustmilchbildung, soziales Stillen umfasst die die soziale und psychologische Ebene dieses Vorgangs, wobei beide Phänomene unabhängig voneinander existieren können. Biologisch gesehen besteht kein Zweifel, dass Männer, wenn auch selten, Brustmilch bilden können. Psychologisch, sinnlich und emotional haben sie die selben Vorraussetzungen, auf sozialer Ebene kommt es jedoch auf die gesellschaftlichen Hintergründe an. Belege, dass bei den Aka-Vätern Milchbildung vorkommt, ließen sich nicht finden. Es wird aber deutlich, dass soziales Stillen dort einen selbstverständlicher Teil der elterlichen Fürsorge darstellt. Schon Humboldt weist vor rund 300 Jahren darauf hin, dass diese Eigenschaft nicht den hegemonialen Vorstellungen von Männlichkeit entspricht, wohingegen das Stillen bei Frauen seit Urzeiten im Zentrum des Muttermythos, wie es Elisabeth Badinter beschreibt (siehe Punkt 4.1), steht. Kunst und Medizin spielten dabei eine wesentliche Rolle. Der Muttermythos wurde über die Zeiten stets reproduziert, die moderne Medizin hingegen hat diese Eigenschaft beim Mann gänzlich pathologisiert. Butler (1997) bezeichnet Geschlechterdifferenz folgendermaßen:

<<So wie ich sie verstehe ist die Geschlechterdifferenz ein Ort, an dem wieder und wieder eine Frage in Bezug auf das Verhältnis des Biologischen zum Kulturellen gestellt wird, an dem sie gestellt werden muss und kann, aber wo sie streng genommen nicht beantwortet werden kann. Wenn wir sie als eine Grenzvorstellung verstehen, so hat die Geschlechterdifferenz psychische, somatische und soziale Dimensionen, die ich niemals gänzlich ineinander überführen lassen, die aber deshalb nicht letztlich voneinander abgesetzt sind. Schwankt die Geschlechterdifferenz also hin und her, als eine schwankende Grenze, die eine erneute Artikulation dieser Begriffe ohne jede Vorstellung von Endgültigkeit verlangt? Ist sie daher kein Ding, keine Tatsache, keine Vorannahme, sondern vielmehr ein Verlangen nach erneuter Artikulation, das niemals zur Gänze verschwindet – aber das sich ebenso wenig jemals zur Gänze zeigen wird? >> ( S.35)

Bis heute hat die Geschlechterdifferenz in Bezug auf das Stillen, betrachtet man sie als Grenze, kaum geschwankt. Durch die Frauenbewegung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde eine Gleichberechtigung bezüglich der Fürsorge für Säuglinge und Kinder zwar verhandelt und eingefordert, durch die negativen gesundheitlichen Folgen von Säuglingsersatznahrung und die Bemühungen der La Leche Leauge und der WHO hat sich die Situation heute wieder verschärft. Das Stillen blieb, bis auf das Fläschchen, das es auch Männern ermöglicht das Kind bei ihm trinken zu lassen, ein Monopol von Frauen. Man könnte daher beim Stillen auch von hegemonialer Weiblichkeit sprechen, wenn man Diamond (vgl. Punkt 3.5) folgt, der vermutet, dass viele Mütter diesen Teil der Fürsorge für das Kind nicht teilen würden.

Laktation und Stillen ist eine Eigenschaft und Funktion des menschlichen Körpers, die beim Männern kulturell fast gänzlich überformt wurde. Sie liegt größtenteils nicht einmal mehr im Bewusstsein und im Vorstellungsvermögen, weder von Eltern, noch von Wissenschaft und Medizin. Dieser Studienarbeit unterliegt ein großes Verlangen nach erneuter Artikulation dieser Thematik, im butlerschen Sinne.

Weitergehende Forschungsfragen lassen sich in diversen Bereichen formulieren: Auf Seiten der Medizin wäre zu untersuchen, wie viele Männer tatsächlich die Anlagen haben, Milch zu bilden. Wie ist die Zusammensetzung dieser Milch und wie würde sie sich auf das Kind auswirken? Wie könnte man die mögliche zukünftige Entwicklung, wie sie Diamond (siehe Punkt 3.5) beschreibt, umsetzen und vorantreiben. Welche Möglichkeiten ergäben sich für Eltern, bei denen die Mutter keine Milch geben kann? Auf psychologischer Ebene wäre den Auswirkungen auf das Kind nachzugehen. Die Vermutung liegt nahe, dass die positiven Effekte ähnlich, wie bei den Müttern ausfallen würden. Aus soziologischer Ebene wären zunächst empirische Daten zu erheben, wie viele Männer tatsächlich ihre Kinder stillen. Weiterführend wäre zu untersuchen, wie sich männliches Stillen auf Partnerschaft und Gleichberechtigung auswirkt. Für den soziologischen Schwerpunkt der Pluralisierung von Lebensformen wäre es interessant herauszufinden, welche Möglichkeiten sich für gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern, wie Shanley (siehe Punkt 3.3) es beschreibt, ergeben würden. Sprach- und literatur-wissenschaftlich wäre zu untersuchen, wie Geschlecht in Literatur zum Thema Stillen verhandelt wird. Möglich wäre hier eine Sequenz- oder Diskursanalyse in Ratgeberliteratur zum Stillen.

<<Wer sind wir? Wie wollen wir leben? Was bedeuten die Dinge? Was ist wirklich? Was können wir wissen? Wann existiert etwas? Was ist Zeit? Was hat Schuld? Was ist Intelligenz? Wo ist Sinn? Könnte es auch anders sein? – Dies sind Beispiele für gemeinsames künstlerisches und wissenschaftliches Erkenntnisinteresse. Deren Bearbeitung mündet nicht immer in allgemeingültiges gesichertes Wissen (mit Blick auf die Wissenschaftsgeschichte eigentlich in den wenigsten Fällen, oder?). Den Künsten wird die Kompetenz zugestanden, solche basalen und zugleich komplexen Fragen in ihren spezifischen Weisen zu formulieren. und zu untersuchen, die nicht weniger reflektiert sein müssen als solche der Philosophie oder der Physik und die einen Erkenntnisgewinn zu liefern imstande sind, der anders nicht zu erfahren ist.>>, so Julian Klein (2010, S.3) über künstlerische Forschung.

Für mich persönlich, als Student der Bildenden Kunst, nehme ich diese Grundlagen und weitergehende künstlerische Forschung zum Anlass für ein Projekt, um bei dieser vielschichtigen und komplexen Thematik eine Artikulation anzuregen und ein <<sinnlich und körperlich, und in diesem Sinne fühlbares und gefühltes Wissen>> (ebd. S.5) zu erzeugen.

Quellenangaben

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Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 : http://onfinite.com/libraries/314649/797.jpg. Zugriff am 12. August 2012

Abbildung 2 & 3: Tönz, O. (1997): Stillen in der guten alten Zeit. In: Siebert, Wolfgang; Stögmann, Walter; Wündisch, Gerhard (Hrsg.): Stillen – einst und heute. München: Marseille Verlag.

Abbildung 4 & 7: Tönz, O. (2000): Curiosa zum Thema Brustnährung – von stillende Vätern, bärtigen Frauen und saugenden Greisen. In: Schweizer Ärztezeitung. http://www.saez.ch/docs/saez/archiv/de/2000/2000-20/2000-20-438.pdf. Zugriff am 10. Juni 2012.

Abbildung 5: http://www.yessaid.com/pic/bfp-10.jpg Zugriff am 11. August 2012

Abbildung 6: http://pinterest.com/pin/28288303880124241/ Zugriff am 12. August 2012

Abbildung 8: http://wsm.wsu.edu/s/index.php?id=936 Zugriff am 2. September 2012

Selbstversuch

4 Kommentare

  1. Eine sehr spannende Studienarbeit! Interessant wäre es, ob Männer mit der Einnahme von Domperidon (in DE zur Laktation nicht zugelassen) Milch bilden können.
    Auf jeden Fall eine interessante Diskussionsgrundlage, super recherchiert!

  2. Würden Männer stillen, dann wäre das nicht gut für das Wachstum der Kindernahrung -Hersteller. Das und nur das dürfte der Grund dafür sein, warum es nicht öffentlich diskutiert wird. Man folge immer nur dem Weg des Geldes, um Wahrheiten aufzudecken.

  3. das letzte bild sieht sehr schick aus.würde behaupten, das nicht viel flssigkeit rauskam, aber es doch sehr erregend war.

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